Der vom Humanismus geprägte Begriff der Selbstbestimmtheit wird heute als Synonym für Willensfreiheit aufgefasst und in den verschiedenen akademischen Disziplinien - z. B. Neurowissenschaften, Philosophie und Naturwissenschaften - kontrovers diskutiert. Von manchen Neurowissenschaftlern wird die Frage, ob der Mensch in seinem Handeln autonom sei, d. h. ob er willentliche Entscheidungen treffen könne, verneint. Zur Begründung wird das legendäre Libet-Experiment herangezogen, welches angeblich beweist, dass menschliches Handeln aus seinem Unterbewussten heraus bestimmt werde und daher mitnichten selbstbestimmt sei – als Konsequenz sei der „freie Wille“ nur vermeintlich frei bzw. könne ein Mensch für sein Handeln letztlich nicht verantwortlich gemacht werden.

In den Naturwissenschaften wurde die Thematik bereits in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts behandelt - so identifizierte Max Planck in seiner Rede vor der Deutschen Philosophischen Gesellschaft am 27. November 1936 das Problem der Willensfreiheit als Scheinproblem. Das wesentliche Argument für seine Auffassung entlehnte er der Physik: ein physikalisches System ist nicht vollständig beschreibbar, wenn der Beobachter selbst Teil des Systems ist; und so ist auch die Selbstbestimmtheit des Menschen nicht vom Menschen erfassbar - die Frage liegt nach dieser Lesart also jenseits der menschlichen Erkenntnisgrenzen.

Mit Plancks Ansichten stimmen Naturwissenschaftler auch heute noch überein; nur liefert die Feststellung, dass das Problem des freien Willens ein Scheinproblem sei, keine Erklärung, wie denn Selbstbestimmtheit - wenn es sie denn gibt - erfasst werden könnte. Insbesondere kann so nicht der Widerspruch aufgelöst werden, dass ein Mensch einerseits nicht für eigenes Handeln verantwortlich sei, aber andrerseits durchaus als Straftäter verurteilt wird. Was sagen die modernen Naturwissenschaften zu dieser Thematik? Seit Plancks Betrachtungen haben sich Festkörperphysik, Molekulargenetik und Neurowissenschaften weiterentwickelt bzw. sind als eigenständige Forschungszweige erst entstanden. Die Erkenntnisse dieser neueren Disziplinen werden häufig in der Diskussion herangezogen – je nach Standpunkt als Argument für oder gegen die Selbstbestimmtheit des Menschen.



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